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Viktor Orbáns Rede auf dem Treffen der Notenbankpräsidenten von China und der ostmitteleuropäischen Länder

Good morning. I’ve just got a permission to speak Hungarian.

Ich begrüße alle Anwesenden recht herzlich, ich wünsche einen guten Tag!

Bevor ich mit dem beginne, was ich ausführen werde, möchte ich Ihnen erzählen, dass ich jetzt aus Schanghai zurückgekommen bin, wo ich Zeuge eines welthistorischen Moments geworden bin, worauf ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte. Wenn jemand, sagen wir vor zehn Jahren gesagt hätte, dass wir an einer Konferenz werden anwesend sein dürfen, auf der die chinesische Seite gemeinsam mit der Weltbank, dem Leiter der Welthandelsorganisation und der Leiterin des IWF den freien Handel und den Multilateralismus gegenüber einem nicht näher benannten, bedeutenden Akteur der Weltwirtschaft verteidigen werden, also wenn uns jemand dies vor zehn Jahren gesagt hätte, dann hätten wir darüber herzlich gelacht. Dies zeigt sehr deutlich, welche Ausmaße die Veränderungen besitzen, die sich in der Welt vollziehen, dass diese vielleicht nur noch unser osteuropäisches oder mitteleuropäisches Ohr als irgendeine Besonderheit empfindet, denn China ist ein derart akzeptierter Akteur der Weltwirtschaft geworden, dass es als Kämpfer für den Multilateralismus und Free Trade in dieser Rolle uns gar nicht mehr überrascht.

Ich begrüße den Präsidenten der Notenbank der Volksrepublik China mit Respekt auch aus dem Grund, weil es im kommenden Jahr siebzig Jahre her sein wird, dass die beiden Länder diplomatische Beziehungen zueinander etablierten. Wenn dies zwar auch kein Weltrekord ist, doch ordnet es uns in die Reihe jener Länder ein, die nicht erst gestern erkannt haben, dass China einmal noch eine weltwirtschaftliche und weltgeschichtliche Bedeutung besitzen wird, und diese siebzig Jahre der Zusammenarbeit und der Freundschaft stellen heute in den chinesisch–ungarischen Beziehungen einen sehr ernsthaften Vorteil dar. Und erlauben Sie mir auf etwas parteiische Weise, meinen Freund Isărescu gesondert zu begrüßen, den Präsidenten der rumänischen Notenbank, der uns an unser poetisch junges Alter erinnert, denn im Jahre 2000 durfte ich ja als Ministerpräsident zusammen mit dem Herrn Notenbankpräsidenten meinen Dienst versehen. Willkommen erneut hier in Budapest!

Meine Damen und Herren!

Ich begrüße Sie recht herzlich hier, in der Budaer Burg, die der alte geistige und politische Mittelpunkt der ungarischen Nation ist. Wir sehen, unsere Vorfahren verfügten über den rechten Verstand. Sie erbauten den Ort, der über Jahrhunderte der Schauplatz der Geburt der wichtigsten Gedanken und Entscheidungen war, an eine Stelle, von der aus man nicht nur nach Westen, sondern auch in den Osten sehen kann. Es gibt ein Rundpanorama, dass jene, die hier arbeiten, dazu zwingt, sich in jede Richtung zu orientieren, bevor sie die aus der Perspektive Ungarns wichtigen Entscheidungen treffen. Dies besitzt jetzt eine besondere Bedeutung, denn wenn jemand nur in die eine Richtung blickt, kann er keine Entscheidungen treffen, die seinen Platz in der sich jetzt formierenden Weltordnung am richtigen Ort festlegen würden. Aber, meine sehr geehrten Damen und Herren, es ist das starke Engagement und der Plan, die optimistische Vision der mitteleuropäischen Länder und des mit uns eng verbundenen Balkanraumes, dass wir, diese Region, Mitteleuropa und der Balkan gemeinsam die Gewinner des kommenden Jahrzehntes sein möchten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es ist jetzt das erste Mal, dass die Notenbänker der Sechzehn und von China eine gemeinsame Konferenz abhalten. Wir haben schon vieles gemacht, aber im Rahmen solch eines Formats sind wir uns noch nicht begegnet, doch hatten wir geahnt, dass wir früher oder später jenes Niveau erreichen werden, auf dem es nicht mehr ausreicht, uns nur mit Fragen des Handels und der Investitionen zu beschäftigen, dass der Moment kommen wird, in dem wir auch auf dem Gebiet des Finanzwesens die Zusammenarbeit miteinander werden suchen müssen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Dass es so gekommen ist, darin hat Herr Gouverneur György Matolcsy eine herausragende, initiierende und entscheidende Rolle gespielt, der diese Konferenz organisiert hat und dem wir hierfür dankbar sind.

Wenn wir uns umschauen und einander anblicken, meine sehr geehrten Damen und Herren, dann können wir sehen, was für eine bunte Gesellschaft wir sind. Ich denke hierbei nicht nur daran, dass in den 16 Ländern Regierungen verschiedener Prägung tätig sind, sondern ich verstehe die Buntheit auch hinsichtlich der Frage, womit wir bezahlen und worin wir verrechnen. Hier sind Estland, Lettland, Litauen, Slowenien und die Slowakei, die zugleich Mitglieder der Europäischen Union und Mitglieder der Eurozone sind. Hier sind Tschechien, Polen, Rumänien, Bulgarien, Kroatien und Ungarn, die Mitglieder der Europäische Union sind, aber nicht Mitglieder der Eurozone, und die auch unterschiedliche Dinge darüber sagen, ob und wann sie ihr Mitglied werden möchten. Sie wissen sehr gut, dass Ungarn zu den Vorsichtigeren gehört. Wir möchten auf die Weise integrierte Teile der europäischen Gemeinschaft werden, dass wir zugleich auch in Richtung auf andere Regionen und Gemeinschaften offen bleiben wollen, und dies muss auch in unserer Entscheidung hinsichtlich des Euro zum Ausdruck kommen. Und dann sind hier noch zusammen mit uns unsere Freunde aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Montenegro und Serbien. Sie vertreten eine sich äußerst schnell entwickelnde Region, sind aber weder Mitglied der Europäischen Union noch der Eurozone. An dieser Stelle möchte ich deutlich machen, dass wir, Mitteleuropäer, die Ungarn mit inbegriffen, auf das stärkste in der Frage der Mitgliedschaft der zur Balkanregion gehörenden Länder in der Europäischen Union engagiert sind. Wir möchten eine schnelle, kräftige Erweiterung sehen, an der Spitze mit Serbien und Montenegro, die meiner Ansicht nach einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union am nächsten stehen. Und die Vielfarbigkeit wird dadurch „getoppt“, dass hier mit uns auch China anwesend ist, mit dessen Währung man auch in der Zukunft wird rechnen müssen.

Wenn ich die Bitte des Herrn Gouverneurs richtig verstanden habe, so wäre es heute morgen meine Aufgabe, diese Konferenz irgendwie zu eröffnen, nicht aus der Perspektive der Notenbänker, solche gibt es hier gerade genug. Meine Aufgabe ist also, zu versuchen, Ihre Aufmerksamkeit auf einige Dinge zu lenken, die aus der Perspektive der Politik als wichtig erscheinen.

Die erste Sache, die ich erwähne, ist, dass es 2008, zur Zeit der Finanzkrise offensichtlich wurde, dass wir uns in die Richtung auf eine neue Weltordnung in der Wirtschaft hin bewegen. Es gab Stimmen, die dies auch schon früher behauptet hatten, doch die Finanzkrise von 2008 machte es offensichtlich, dass wir uns jetzt in einem Periodenwechsel befinden. Seitdem sind zehn Jahre vergangen, wir schreiben jetzt das Jahr 2018. Meiner Ansicht nach können wir es mit der notwendigen Bescheidenheit riskieren, zu sagen, dass wir jetzt schon sehen, wie die Welt in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren aussehen wird. Wir können jetzt schon sagen, dass die nur einen Pol besitzende Weltordnung auf alle Fälle durch eine mehrpolige Welt abgelöst wird, in der neue Akteure, neue Kooperationen und neue Werte erscheinen und Raum gewinnen.

Die zweite Sache, auf die ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, ist, dass wir, Politiker, nicht nur in Ungarn, sondern auch in der EU der Ansicht sind, die Globalisierung wird sich zwar fortsetzen, doch werden sich deren innere Kräfteverhältnisse ändern. Denn es werden immer neue Kraftzentren aufsteigen, die sich immer größere Stücke von der Torte der Weltwirtschaft abschneiden werden. Unter den aufsteigenden neuen Zentren finden wir an erster Stelle China. Ich sage es dem Herrn Gouverneur, dass wenn man westeuropäische Analysen liest, die mit China zu tun haben, dann kann man häufig Darstellungen lesen, die den Erfolg Chinas als ein vorübergehendes Phänomen hinstellen. Es ist schwer zu entscheiden, wie viel davon nüchterne Analyse und wie viel davon „wishful thinking“ ist, aber ich habe den Eindruck, die vergangenen zehn Jahre haben bewiesen, dass der Aufstieg der chinesischen Wirtschaft keine vorübergehende Erscheinung ist. China wird im kommenden Zeitraum ein Fixstern und über einen langen-langen Zeitraum hinweg der bestimmende Akteur der Weltwirtschaft sein, und auch wir müssen auf diese Weise an China denken und auf diese Weise mit China in der Zukunft rechnen. Unter den Veränderungen der inneren Kräfteverhältnisse der Globalisierung muss ich auch die Tatsache erwähnen, dass sich auch in Europa ein neues Zentrum erhoben hat. Das ist Mitteleuropa, und wenn es der liebe Gott zulässt, dann mit ihr verbunden auch die Balkanregion, das heißt Mitteleuropa und der Balkan gemeinsam, also wir. Darüber besteht in Westeuropa Konsens, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren die mitteleuropäische Region den Motor des europäischen Wirtschaftswachstums darstellen wird. Wir werden in Europa die am schnellsten wirtschaftlich wachsende Ländergruppe sein. Unsere Vorteile sind keine konjunkturellen, sondern strukturelle. Diese Länder sind innovativ, sie arbeiten mit einem niedrigen Steuersystem, und verfügen über Arbeitskräfte mit herausragenden Fähigkeiten und Qualifikationen. Wir sind ein wichtiges Einzelteil des Motors der europäischen Wirtschaft. Ungarn geht es damit besonders so, wir haben den Eindruck, gute Gründe zu haben, um mit Selbstvertrauen auf die vor uns stehenden Jahre vorauszublicken. Ich möchte Sie auch darauf aufmerksam machen, dass zwischen den beiden aufsteigenden Kraftzentren, zwischen China und Mitteleuropa über die historischen und geographischen Verbindungen hinaus auf offensichtliche Weise auch wirtschaftliche Verbindungen entstehen, und diese beiden Regionen werden sich immer stärker miteinander verbinden. Auf chinesischer Seite hat man dies auch formuliert, sie haben das Programm „Eine Zone, ein Weg“ verkündet, sie möchten eine Wirtschaftsregion ins Leben rufen. Für unsere Ohren mag sich dieser Begriff noch etwas seltsam anhören, doch wir sprechen hier über den Aufbau Eurasiens. Drei Konzeptionen liegen immer auf dem Tisch, wenn wir über die Zukunft Europas  sprechen: die eurasische, die euramerikanische und die eurabische Konzeption. Jede von ihnen beinhaltet viel Wahres, doch wirtschaftlich ist die eurasische Annäherung unzweifelhaft die neuartige und attraktivste. Dies bedeutet nicht weniger, als dass China und Mitteleuropa einen Teil eines zusammenhängenden geographischen Raumes darstellen. Mit der Eisenbahn kann man in zwei Wochen aus Mitteleuropa nach China gelangen und man kann jedwede Produkte transportieren. Und wenn es gelingt, von den griechischen Häfen aus die Schnellbahn nach Europa zu errichten, dann wird dies einen noch kürzeren Zeitraum bedeuten. Damit wollte ich nur sagen, dass wir uns Eurasien in der Zukunft nicht nur als eine offensichtliche geographische Tatsache, sondern auch als einen Wirtschaftsraum vorstellen müssen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Man kann natürlich den Umstand ansprechen, dass die Länder des europäischen und des asiatischen Teils von Eurasien auf der Grundlage unterschiedlicher Ideologien stehen, aber wenn wir auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicken, dann muss ich sagen: Dies besitzt keine Bedeutung. Die westliche Hälfte Europas lernt langsamer als die mitteleuropäische, aber am Ende wird jeder erkennen, dass man sich an China frei von jeder Ideologie annähern muss. Wir müssen akzeptieren, dass wir verschieden sind, wir organisieren unser Leben auf unterschiedliche Weise und lenken unsere Länder auf verschiedene Art. Die Aufgabe besteht nicht darin, zu urteilen. Überlassen wir dies der schreibenden Zunft. Die Aufgabe der Entscheidungsträger ist, danach zu suchen, welche jene gemeinsamen Interessen sind, die wir in einem gemeinsamen System unserer Verbindungen finden können.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die chinesisch–mitteleuropäischen Beziehungen gelten nicht zufällig als die Erfolgsgeschichte des neuen Zeitalters. Der Herr Präsident war so zuvorkommend, und hat erwähnt, dass unser Handelsvolumen sich den 70 Milliarden Dollar angenähert hat und das Tempo des Wachstums überwältigend ist, im Durchschnitt beträgt er 10, doch hinsichtlich der chinesisch–ungarischen Handelsbeziehungen haben wir – wenn ich die Daten für die ersten drei Vierteljahre richtig gesehen habe – ein Wachstum von 18 Prozent registriert.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auch darauf lenken, dass in dieser neuen Weltordnung das Wissen, das Talent und die Kreativität eine herausragende Rolle spielen werden. Jeder hat zwei Möglichkeiten. Die erste ist, das Wissen herzustellen, die zweite, das Wissen zu kaufen. Der Kampf zwischen den Regionen um die herausragenden Fachleute wird immer schärfer. Dieser „Brain Drain“ wird Gewinner und wird Verlierer haben. Die mitteleuropäischen Länder waren nie dafür berühmt, dass sie das Wissen von anderen hätten wegsaugen wollen. Jedes mitteleuropäische Land dachte im Laufe seiner gesamten Geschichte, dass seine Unabhängigkeit und nationale Souveränität kulturelle und intellektuelle Grundlagen besitzt, und jenes Land, das nicht in der Lage ist, das für die moderne Wettbewerbsfähigkeit notwendige Wissen herzustellen, nicht verdient, als Nation zu existieren. Meiner Ansicht nach ist dies eine gemeinsame Überzeugung der mitteleuropäischen Länder, weshalb wir das Wissen nicht kaufen wollen, sondern selber herstellen. Es ist auch alles vorhanden, damit wir dieses Wissen hervorbringen können. In Mitteleuropa stehen qualifizierte und kluge Jugendliche zur Verfügung. Wenn ich meine eigene Generation – ohne auch nur jemandem der mit mir Gleichaltrigen nahetreten zu wollen – mit der sich hinter uns formierenden und jetzt schon ins Erwachsenenalter eintretenden jungen Generation vergleiche, dann ist deutlich erkennbar, dass sie qualifizierter und wettbewerbsfähiger sind, als wir es waren, und sie langsam wettbewerbsfähiger sein werden, als wir es sind. Es mangelt uns nicht an klugen und qualifizierten Jugendlichen, wir haben kreative Unternehmen und wir verfügen auch über die Forschung und Entwicklung unterstützenden politischen Systeme. In Ungarn ist es zum Beispiel das Ziel, dass bis 2020 die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung 1,8 Prozent des GDP erreichen sollen, was wiederum bedeuten würde, dass wir bis 2020 grob geschätzt etwa 1.000 Milliarden Forint für diesen Zweck ausgeben würden, was im ungarischen Maßstab eine riesige Summe darstellt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Worauf ich Ihre Aufmerksamkeit noch lenken möchte, ist eine Möglichkeit. Wir wissen nicht, ob es so sein wird, obwohl es sehr danach aussieht, dass wir uns darauf vorbereiten müssen, dass der Dollar im Welthandel seine Alleinherrschaft verlieren könnte. Schon heute steht er nicht allein auf dem Platz. Anscheinend wird die Welt nicht nur politisch, sondern auch im Finanzbereich diversifizierter, als sie es gewesen war. Das Gewicht und die Kraft der neuen Handelszentren werden in der Zukunft nicht unbedingt in Dollar ausgedrückt. Der Yuan ist ein Instrument der Investitionen und des Handels, das auch wir, Ungarn, beachten müssen. Nicht zufällig hat Ungarn schon Staatsanleihen im chinesischen Yuan ausgegeben, wir werden dies auch noch tun, obwohl wir die Staatsschulden in erster Linie aus innerungarischen Ersparnissen finanzieren wollen, doch wenn wir im Ausland Anleihen ausgeben werden, dann wird dies in östliche Richtung geschehen, und wir arbeiten daran, die Möglichkeit dafür zu schaffen, damit im bilateralen Handel der Yuan die Währung sei, in der verrechnet wird. Das ist eine spannende Sache, wir haben riesige Veränderungen vor Augen. Es lohnt sich, hierin nicht nur die Gefahr, sondern auch die Möglichkeit, ja viel mehr die Möglichkeit als die Gefahr zu sehen.

Ich möchte auch noch darüber einige Worte sagen, meine sehr geehrten Damen und Herren, dass meiner Ansicht nach die Rolle der Notenbanken sich in der neuen Weltordnung verändern wird. Hierüber zu Ministerpräsidenten zu sprechen, ist natürlich eine lebensgefährliche Sache, denn die Doktrin ist heute im Westen, dass die Ministerpräsidenten nichts über die Notenbanken sagen dürfen, wenn aber die Notenbanken etwas über die Regierungen sagen, dann muss man in Habachtstellung stehen, das ist im Großen und Ganzen die Situation. Die Notenbanken mit der Meinung eines Ministerpräsidenten zu berühren, ist eine lebensgefährliche Angelegenheit. Aber dennoch, auf solch einer Konferenz können wir uns vielleicht auch diesen Luxus leisten. Vor allem aus dem Grund, weil ich dem Präsidenten der ungarischen Notenbank zustimmen möchte, der betont hatte, in dem gegenwärtigen Zeitalter sei die Zusammenarbeit der nationalen Banken und der Regierungen von entscheidender Bedeutung. Es ist die Aufgabe der Notenbanken, für finanzielle Stabilität zu sorgen, und jene der Politik ist es, politische Stabilität zu garantieren. Wir können nicht unterschiedliche Wege beschreiten. Wenn das Finanzsystem und das politische System zugleich stabil sind, dann können wir jene Krisen abwehren, die wieder und immer wieder in der Weltwirtschaft auftreten. Und wenn es eine Zusammenarbeit gibt und beide Seiten ihre Leistung in der Wahrung der Stabilität bringen, dann können wir nicht in einen derartigen Bankrott geraten, wie wir das 2008 waren.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich bin auch der Ansicht, dass die nationalen Banken vielleicht stärker auch an der Entwicklung der Wirtschaft und des Handels teilnehmen könnten. Sie besitzen alle Instrumente und jedwede Legitimation dazu, hierüber würde ich vielleicht später einige Worte sagen. Und schließlich möchte ich Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, dass eine erneute Krise nicht ausgeschlossen werden kann. Natürlich kann in diesem Thema niemand etwas Sicheres sagen, leider auch ich nicht. Ich kann Ihnen sagen, dass die Analysen, die ich in die Hand bekomme, das sind zum Teil ungarische und zum Teil internationale Analysen, im Verhältnis von 70-30 über das nahende Eintreten einer erneuten Krise sprechen, darüber, dass man mit einem wirtschaftlichen Rückgang rechnen muss, der zwar nicht die Ausmaße der Krise von 2008 besitzt, sondern kleiner sein wird, in seiner Form noch nicht genau identifiziert worden ist, aber mit Sicherheit eintreten wird. Niemand weiß, ob es so kommen wird, ich wiederhole noch einmal: Die internationalen Analysen sprechen hierüber im Verhältnis von 70-30. Dies unterstützt das, was der Herr Gouverneur gesagt hat, und dies ist auch für Ungarn gültig: Wir müssen über zwei Pläne verfügen, sowohl über einen Plan A als auch einen Plan B. Es darf nicht vorkommen, dass die ungarische Regierung keinen Plan in der Schublade zu liegen hat, der sich dann auf diese wirtschaftliche Eventualität vorbereitet.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Unter den Ursachen der Krise erwähnen alle die Schuldensituation. Tatsächlich ist ein ansehnlicher Teil der Staaten der EU heute stärker verschuldet, als sie es zur Zeit der Krise von 2008 waren. Man spricht darüber, dass das Zeitalter des billigen Geldes zu Ende geht. Auch haben wir hier die Handelskriege am Hals. Die ungarische Sprache ist direkter als die chinesische Sprache, wir übersetzen den Begriff „Handelsdisput“ als „Handelskrieg“, die ungarische Sprache ist eben so, Herr Gouverneur. Und hier ist auch die Migration, die eine viel größere Auswirkung auf unser Leben haben wird, als wir das annehmen. Was die Frage der Handelskrieges angeht, wir, Ungarn, haben seit langem den Eindruck, dass die Vereinigten Staaten bestrebt sind, ihre hegemonale Rolle in der Weltwirtschaft zu bewahren und deshalb versuchen, die Verhältnisse im Welthandel umzuformen. Wir verstehen dies, sie erheben aus diesem Grunde Zölle, zum Beispiel auf die Waren der Europäischen Union und unsere am meisten wettbewerbsfähigen Wirtschaftszweige, und hierdurch versuchen sie den Handel, der der Motor der Weltwirtschaft ist, in wesentlichem Maße umzuformen. Die am Export interessierten Regionen – und unsere mitteleuropäische Region und die Region des Balkan sind am Export interessierte Regionen – müssen in dieser Situation die richtige Politik finden. Das ist nicht einfach. Hier wage ich nur, hier nehme ich es auf mich, hier kann ich nur soviel sagen, dass dieser Krieg nicht unser Krieg ist. Das ist vielleicht der Ausgangspunkt, mit dessen Hilfe wir bestimmen können, wie wir uns in einem durch solche Handelskonflikte belasteten Zeitraum verhalten müssen. Dieser Krieg ist nicht unser Krieg, hat aber seine Wirkung auf uns. Wir müssen also unsere Wirtschaftspolitik auf die Weise steuern, dass wir gleichzeitig unsere guten Beziehungen zu den im Übrigen gegnerischen Partnern erhalten und wir auch in der Lage sein müssen, jeweils einzeln mit Partnern gute Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu etablieren. Meiner Ansicht nach sind wir – nicht nur Ungarn, sondern die gesamte Region – dazu in der Lage, eine derartige Wirtschaftspolitik zu gestalten, dass China, Deutschland oder die Vereinigten Staaten gleichzeitig daran interessiert sind, Ungarn und die mitteleuropäische Region erfolgreich zu sehen. Das ist kein einfaches Manöver, aber es ist möglich.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Auf Grund der Kürze der Zeit möchte ich über die Migration drei Sätze sagen. Sie wird unser Leben umgestalten. Zuerst das der Westler, das ihre bereits mit Sicherheit, dieser Prozess läuft. Westeuropa wird nicht mehr so sein, wie es gewesen war. Der Prozess scheint unaufhaltbar zu sein. Anscheinend ist die Entstehung von Parallelgesellschaften in Westeuropa unvermeidbar, besonders in den westeuropäischen Großstädten. Ob es den westeuropäischen Regierungen gelingen wird, der hieraus entspringenden Probleme Herr zu werden und die darin sich bergenden Möglichkeiten zu nutzen, wissen wir jetzt noch nicht, aber mit Sicherheit wissen wir, dass sie andere Probleme haben werden als wir in Mitteleuropa, die wir uns bisher erfolgreich vor der Migration geschützt haben. Wenn sich dann die Wirtschaftsverhältnisse ausgleichen – denn die Prozesse deuten darauf hin, und Schengen bleibt erhalten und auch der freie Verkehr bleibt –, dann werden auch wir Antworten auf jene Probleme geben müssen, mit denen sich heute noch sie abmühen. Zum Glück ist das keine Herausforderung, die noch während des Mandats der gegenwärtigen Regierung zu erwarten wäre. Die kommenden Regierungen werden Zeit haben, sich damit zu beschäftigen, doch wäre es gut, wenn wir uns intellektuell auf diese Situation vorbereiten würden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Dass wir die erste Migrationswelle hinter uns haben, bedeutet nicht, dass wir die demographischen Zahlen Asiens und Afrikas nicht sehen könnten oder nicht sehen müssten, die mit absoluter Gewissheit die noch hiernach kommenden immer weiteren und weiteren Wellen ankündigen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wir müssen daran arbeiten, dass die Region so bleibt, wie sie jetzt ist: eine sichere, starke, sich schnell entwickelnde Region, die einen Einfluss, ja einen bedeutenden Einfluss darauf besitzt, wie Europa in der Zukunft aussehen soll.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Zum Abschluss möchte ich noch einige Sätze über die Möglichkeit der Zusammenarbeit von Notenbank und Regierung sagen. Wenn wir Eurasien tatsächlich errichten wollen, dann müssen wir seriöse Investitionen tätigen, in erster Linie infrastrukturelle Entwicklungen, denn wir müssen Mitteleuropa, den Balkan und China in ein Netzwerk verknüpfen, und zwar in ein Netz von Weltmaßstab. Und hierzu ist Kapital nötig. Meiner Ansicht nach müssten die Notenbanken eine größere Rolle dabei übernehmen, den Regierungen Vorschläge zu machen, wie ein derartiges Kapital gefunden werden kann, ja sie könnten sogar darin eine Rolle übernehmen.

Die zweite Sache, mit der die Regierungen meiner Ansicht nach rechnen müssten – oder zumindest wäre es gut, wenn sie eine Hilfe seitens der Notenbanken erhalten würden –, wäre das Einleiten von Programmen, mit deren Hilfe die Notenbanken an der Entwicklung der Unternehmen teilnehmen könnten. Besonders an der Entwicklung der die Zukunft formenden Sektoren und innovativen Unternehmen müssten die Notenbanken vielleicht eine größere Rolle als bisher übernehmen – so auch die ungarische, obwohl wir hier über die Kreditprogramme erfolgreiche Beispiele sehen.

Und, meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn das wahr ist, was ich über das Wissen gesagt habe, dann ist auch wahr, dass es ohne ein modernes Bildungswesen schwer sein wird, die Zukunft zu erringen. Meiner Ansicht nach hat sich die Notenbank, die ungarische Notenbank in die richtige Richtung bewegt, obwohl sie auch mutiger sein könnte, wenn sie eine Rolle in der Ausbildung der Ökonomen und Ingenieure der Zukunft übernimmt. Ich glaube also, am Unterrichtssystem könnte neben der Regierung auch die Notenbank mit einer größeren Energie teilnehmen, als dies im Allgemeinen in den vergangenen dreißig-vierzig Jahren üblich war. Ich würde die Notenbanken ausgesprochen dazu ermuntern, diese Möglichkeit zu überdenken.

Und schließlich, meine sehr geehrten Damen und Herren, was ist es, was die nationalen Regierungen hierfür im Tausch geben können? Ich glaube nicht, dass es hierin keine Übereinstimmung zwischen den Notenbankpräsidenten geben würde. Das größte Geschenk, welches die Regierungen den Notenbanken machen können, ist die politische Stabilität. Man muss eine politische Atmosphäre frei von größeren Unwägbarkeiten schaffen, damit die Wirtschaft auf berechenbare Weise funktionieren kann. Wir benötigen ein ebenso berechenbares und im Voraus planbares politisches System, wie wir ein ebenso berechenbares und stabiles Wirtschaftssystem von den Notenbanken und unseren Finanzinstitutionen erwarten. Mitteleuropa hat in dieser Hinsicht keinen Grund, sich zu beklagen. Mitteleuropa ist ein stabiler Ort, frei von größeren Unwägbarkeiten. Um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden, benenne ich jetzt jene westeuropäischen Länder nicht, in denen man ständig mit Problemen der Regierungsbildung kämpfen muss, in denen sich Koalitionen zusammenfinden, dann auseinanderfallen. Und ich nenne jene Länder nicht namentlich, in denen vorgezogene Wahlen drohen. An dieser Stelle möchte ich nur mit der nötigen Bescheidenheit soviel anmerken, dass wir als Beispiel Ungarn hier haben. Die ersten freien Wahlen gab es 1990, das sind inzwischen 28 Jahre, die seitdem vergangen sind, und man musste kein einziges Mal vorgezogene Wahlen abhalten. Dies zeigt: Wir in Mitteleuropa verstehen, dass die politische Stabilität wichtig und zugleich auch die Voraussetzung des wirtschaftlichen Erfolges ist. Was wir also den Notenbänkern, den Herrn Gouverneuren und den führenden Persönlichkeiten der Finanz-, der Wirtschaftswelt versprechen können, ist, alles im Interesse dessen zu unternehmen, damit wir mindestens so stabile politische Systeme errichten, wie wir ebenso stabile Wirtschaftssysteme von den Führern der Finanzwelt erwarten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich möchte noch einmal das Treffen der 16+1 Notenbankpräsidenten grüßen. Wir sind dem Präsidenten der Notenbank der Volksrepublik China dankbar, dass er persönlich an diesem Treffen teilnimmt. Ich begrüße noch einmal respektvoll unsere Freunde, die vom Balkan und Mitteleuropa zu uns gekommen sind. Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, Gedanken und Kooperationen umzusetzen, mit deren Hilfe wir im kommenden Zeitraum ein tatsächliches, zusammenhängendes und auch wirtschaftlich erfolgreiches Eurasien errichten können. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Beratung!